Das Lied des Seins

Ich bin da. Ich bin vor allem und über allem. Ich bin alles. Ich bin.
Dann beschloss ich das Außer mir. Und außer mir wurde das Nichts. Und ich dachte mir das Nicht-ich, und so nahm ich von meiner Unendlichkeit und gebar die Zeit. Und ich machte das, was ich war hell, und das was außer mir war machte ich dunkel. Und dann trat ich in das Dunkel und gab ihm Helle und so schuf ich die Gestirne, und dann nahm ich das Dunkle in meine Helle auf, und so gebar ich das Böse.
Das Böse aber gedachte zu sein ohne mich. Und es verstand nicht, dass sein ohne mich nicht sein ist. Und es flüchtete sich in das Nichts. Im Nichts aber war es allein. Und es konnte nicht werden wie ich und konnte nicht sein ohne mich und da gebar es sich einen Spiegel meines Seins und gebar sich den Hass. Je mehr es hasste, desto mehr liebte ich es. Denn alle meine Gedanken müssen gedacht und alle meine Träume geträumt, alle meine Wünsche gewünscht, alle meine Leben gelebt und alle meine Tränen vergossen sein, bis ich mich wieder gebäre. Und Nichts wieder in mich fließt und ich von neuem werde und bin.
Und so schuf ich die Welten. Alle meine Gedanken sind Welt und alle Welten sind meine Gedanken. Alle Geschöpfe sind ich, und ich bin in allen Geschöpfen. Alles Geschaffene ist Vielfalt und alle Vielfalt ist eins. So ist auch das Böse von mir, und ohne mich ist nicht das Böse, doch es hat das vergessen. Und so schuf ich die Welten wie Seifenblasen in verschieden Siluetten schimmernd, alle meine Gedanken, alle meine Leben, alle meine Träume, Wünsche und Tränen und werde sie weiter schaffen, auf dass sie in sich selbst leben und eingehen in mich.
Ich schuf sie, um das Böse zu mir zurück zu führen. Und sie trieben angetrieben nur durch die eigene Kraft um mich, durch mich, aus mir ins Nichts, denn sie hatten keinen Halt. Und im Nichts gingen sie verloren, denn auch das, was böse ist, ist haltlos.
So sah ich, dass ich ihnen Halt geben mußte, auf dass sie in sich selbst leben und fortleben und eingehen in mich und das, was außer mir ist zurückführen zu mir. Da gab ich mir eine Gestallt.
Ich wurde zum Baum, auf dem sich die Blasen, dem Taue gleich niederließen und in jede dieser Blasen wuchs einer meiner kleinen Zweige, um sie zu verankern in mir, die sie Teil sind von mir. Und das Böse sah den Weltentau auf meinen Blättern und gebar sich den Nebel des Unheils und die Geschöpfe des Hasses und der Niedertracht, mit denen es den Tau berührte und sich wie feiner Regen auf meinen Blättern niederließ, sich mit den Welten zu mischen. Es erkannte nicht, dass dies mein Ziel war, es mit meinen anderen Gedanken, Wünschen, Träumen, Leben  zu einen und zurückzuführen in mich. Und so ist es wie alles bei mir, in mir, mit mir, durch mich, eins in der Vielfalt, denn alles bin ich und nichts ist ohne mich. Ich bin.

Und so hat der Biloba alles Leben geschaffen, er, der das Leben ist. Und wer sein Leben verliert geht ein in den Geist des immerwährenden Biloba, geht ein ins Leben. Das ist seine Bestimmung.
So gibt es nichts, dass nicht Leben wäre und das Leben ist heilig.
Auch die unsichtbaren Kräfte der Welt sind Leben. Leben steht im Dienste des Lebens. Wir müssen es achten, bewahren und schützen.
Wo das Schicksal beschließt, dass ein Leben zurückkehren muss zu seinem Ursprung, sind wir voll Demut und Dankbarkeit. Um in Frieden einzugehen in das Ganze und neu geboren zu werden im Leben und der Vielfalt des Einen.
Wir sind immer mit einem Makel behaftet weil wir unvollkommen sind, vollkommen sind wir nur, wenn wir eingehen in das Eine. Und doch ist es Sünde zu töten. Denn es ist unsere Bestimmung zu Leben und im Leben dem Leben näher zu kommen. Und wenn wir töten verwehren wir einem Leben, durch die Zeit in die Ewigkeit einzugehen, selbst wenn wir damit sein und unser Schicksal erfüllen. So vergelte man Leben mit Leben. Für jedes Leben, das man nimmt, ist ein neues Leben zu geben.
Manchmal muss man töten, um dadurch Leben zu retten, auch das ist ein Versagen und es Bedarf der Vergebung, dass man die Bestimmung des Lebens nicht im Leben lösen konnte, sondern nur lösen kann, indem das Leben dorthin zurückgegeben wird, wo es urgeboren ist.
Es ist unsere Bestimmung das Leben im Leben zu bewältigen. Wo es unser Schicksal ist, dem Leben durch den Tod zu begegnen sind wir nicht frei von Schuld. Denn dann ist es unser Schicksal diese Schuld auf uns zu laden und ihr zu begegnen, für sie Sühne zu leisten.
Es ist unsere Pflicht das Leben zu bewahren vor jenen die vernichten, weil das Böse ihre Bestimmung ist ebenso wie vor jenen, die vernichten, in dem wilden Wahn, damit dem Guten zu dienen.
Und wer das Leben nicht heiligt, der muss zurückgeführt werden zum Leben, damit er es erkennt und seine Augen nicht länger verschließt vor dem Ewigen. 

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Autor dieser Seite: Corinna Kaufmann
Diese Seite wurde geändert am 11.05.2001.