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In der dunklen
Provinz Kerfrek in Trawonien, die von den Orks regiert wird, wurde uns
im Frühling des Jahres 999 vom Wanderer ein Schriftstück überreicht.
Es berichtet über das Schicksal Sheenalasaars,
der Tochter Bahamuths.
Ich besitze das Orginal und habe es übersetzt,
und jeder, dem danach verlangt, sei gewährt es zu lesen und eine Abschrift
anzufertigen.
Doch achtet die Namen derer, die sich den
Prüfungen des Wanderers unterzogen und diese wertvollen Worte zurückbrachten.
Sie sind die Wächter des
Wissens:
Faeanor
Vertigo dan Lorak
Hôrn von den Nimbar
Gatt von den Nimbar
Peer Olafson, der Thowaler
So ziehe ich weiter, mit der Hoffnung das alles Wissen weise eingesetzt wird.
Lange Tage, Angenehme Nächte
Vertigo dan Lorak
Magier aus Fionavar
Mitglied der Dunklen Garde
Reisender im Gefolge von Svenja, der Druidin
Die alten Geschichten
des Wanderers
Dank, dir, der mich durch der Menschheit größte Tugend zurückholt
in das Geschehen der Zeit. Wisse, deine Neugier erlaubt mir Zutritt auf
die Pfade des Schicksals und so empfange als Belohnung einen Teil längst
verlorengegangenen Wissens. Man nennt mich den Wanderer zwischen den Welten
und selbst den Göttern ist es untersagt meinen Namen preiszugeben,
denn was man nicht benennen kann, läßt sich nicht beherrschen
und so ist es meine Pflicht von der Wahrheit zu berichten.
Der Zorn der Finsternis
Das Geheimnis der Sheenalasaar
Vorwort
Dies ist die Geschichte vom Untergang der alten Welt, vom Zorn der Götter
und wahrer Bestimmung. Lies zwischen den Zeilen, um Erkenntnis zu finden,
doch sei gewarnt, dahinter kann sich der Tod verbergen.
"PHALY NAI!! BRING MIR ASTAFAS! ICH HABE EINE AUFGABE FÜR IHN."
Kaum vernahm ich die Worte von meinem Herren Seelenpein, breitete
ich meine Flügel aus, um seinen Willen zu erfüllen. Was will
er von diesem Dämonensproß? Welche Aufgabe gibt es, die einer
seiner Engel nicht für ihn erfüllen kann. Mit Sicherheit ein
niedriger Dienst, den er keinem Mitglied des Edlen Volkes aufbürden
will.
So tat ich, wie mir geheißen wurde und überreichte dem Wächter
der Ebenen das Siegel Seelenpeins, um Einlaß zu bekommen. Immer aufs
neue ist es ein seltsames Gefühl die Pfade des Schicksals entlangzuschreiten,
um an die Pforte der unausgesprochenen Herren der verbotenen Schöpfung
Bargaahns zu klopfen. Und von neuem erfüllt mich die Luft dieser Ebene
mit Verachtung, Verachtung für die, die zu schrecklich sind, als daß
sie aus freiem Willen auf dem Antlitz der Erde wandern dürften.
"Mein Herr! Ein Bote der Edlen steht vor euren Toren und verlangt
Einlaß."
"ER VERLANGT UM EINLAß? WER IST ER, DAß ER VERLANGEN
DARF?"
Just in diesem Augenblick barsten die Tore der Feste der tausend
Illusionen und alles verschlingende Finsternis bahnte sich den Weg zu Astafas
Thron.
"Ich, Phaly Nai, verlange nach dir!"
"Seit wann läßt Seelenpein seine Botengänge von
einem Erzengel verrichten, Phaly Nai?"
"Hüte deine Zunge Erzdämon und lausche meinen Worten.
Mein Herr verlangt nach dir, UNVERZÜGLICH!"
"Sein Wort ist mein Befehl, oh mächtiger Bote. Hmm, dann
lass' uns aufbrechen."
Verdutzt sah der Engel hinab auf die kleine Gestalt des Dieners,
der die ganze Zeit wortlos neben ihm stand und die Worte mit einem höhnischen
Grinsen von sich gab.
"Du wirst herausfinden wer ich bin, Oh Edler!"
Zu Füßen des Seelenthrons
Majestätisch und die Zeit verspottend thront die Seelenfestung über
den Wolken Cullam Torrolls. Heimstadt der Todesengel Bargaahns und Zitadelle
der mächtigsten Armee der Schöpfung.
"TRITT EIN ASTAFAS UND HÖR AUF DEINE SPIELCHEN ZU SPIELEN! ICH
KENNE DEINEN WAHREN NAMEN; DEIN WAHRES GESICHT UND DEINE MÄCHTIGEN
BRÜDER."
Ein wenig enttäuscht nahm Astafas seine Lieblingsgestalt
an und begab sich zum Seelenthron des mächtigsten aller Engel.
"LAUSCHE SORGFÄLTIG; DENN ICH WIEDERHOLE SIE KEIN ZWEITES
MAL! WENN DU MEINEN AUFTRAG SORGFÄLTIG AUSFÜHRST, WERDE ICH DAFÜR
SORGEN, DAß DIE EBENEN DER VERBOTENEN SCHÖPFUNG DIR UNTERTAN
SEIN WERDEN!"
""Meine Seele gehört dir, Avatar des Dijai Dan. Deine Worte werden
meine Taten sein."
"SEIT LANGEM PLAGT MEINEN HERREN DER VERRAT NANDURS UND KEINE
NOCH SO SCHLIMME STRAFE GENÜGT, UM DIESEN FREVEL ZU RÄCHEN: NUN
IST ES MEINE AUFGABE, DIESEN HÄRETIKER ZU BRECHEN! AUF DIE SCHLIMMSTE
ART...
HIER IST DER TOTE LEIB SEINER MUTTER; ICH SCHENKE IHN DIR MITSAMT
SEINEN ERINNERUNGEN! NIMM IHRE GESTALT AN UND ÜBERREDE NANDUR ZU EINEM
TREFFEN!"
"Wo soll dieses Treffen stattfinden, Herr?"
"AM ORT SEINES VERRATES SOLL ER SICH EINFINDEN, WENN ER SEINE
FAMILIE ZURÜCK HABEN WILL."
"Aber Herr, solche Dinge sind nur dem Schöpfer und seinem
Sohn vorbehalten!"
"SCHWEIG, UND TU WAS MAN DIR SAGT!"
So nahm die Tragödie ihren Lauf, und der Erzdämon wandelt
auf dem Angesicht der Schöpfung, um den Worten seines Auftraggebers
Folge zu leisten.
"Imohah! Imohah! Die Völker der eisigen Ebenen werden sich den
Kindern der Freiheit anschließen."
"Aitharos, ich bin dein Vater! Also nenn mich auch so."
"Aber die offizielle Anrede verlangt es so, Imohah!"
"Siehst du hier irgend jemanden Offiziellen? Nein? Also lass'
die Förmlichkeit beiseite und erzähl mir, wie es dazu kam, daß
sich dieser Haufen kriegslüsterner Dickschädel davon überzeugen
ließ Bargaahn abzuschwören."
"Nun, es war der Charme dieser Imahohin, verzeih mir, ich wollte
sagen, Mutter hat sie davon überzeugt, daß ein Leben in Freiheit
anfangs beschwerlicher sein mag, aber für ihre Kinder und Kindeskinder
ein weit erstrebenswerteres Leben bietet, als das ewige Abschlachten und
Morden im Namen Bargaahns."
Gerade im Gespräch vertieft erklang eine weiche, liebevolle
Frauenstimme, welche Nandur das Blut in den Adern gefrieren ließ.
"Wer ist diese Frau, Vater?"
Wie ein Peitschenhieb trafen Aitharos die Worte seines Vaters,
als dieser zu ihm sprach.
"Es ist meine Mutter, die ich mit meinen eigenen Händen
tötete... Geh und verschließ die Tür hinter dir und lass'
niemanden ein, bis sich die Tür wieder von innen öffnet."
Verwundert und verstört zugleich bewunderte er die wunderschöne
Gestalt, welche mit traurigem Lächeln seinen Vater betrachtete.
"Geh! Jetzt!"
Und als sich die Türen hinter seinem Sohn schlossen, brach
der Wahnsinn der Vergangenheit über ihn herein, wie einst auf dem
Berg seines Schicksals.
"Mutter! Wie ist es möglich? Du kannst nicht am Leben sein!
Ich selbst habe dich getötet! Oh Bargaahn, willst du mich noch mehr
leiden sehen!"
"Nein, nicht Bargaahn hat mich gesandt, sondern die Herren des
verbotenen Wissens. Es gibt einen Weg, mein Sohn, wie du die Morde an deiner
Familie ungeschehen machen kannst."
Als Nandur diese Worte vernahm, verlor er das letzte Stück
seiner Fassung und brach kniend vor den Füßen seiner Mutter
zusammen. Nur ein kleiner Rest von Klarheit schrie in seinem Inneren auf
und versuchte ihn vor etwas zu warnen, doch zu laut war das Tosen seiner
Gefühle, und als erneut sein Blick die Augen seiner totgeglaubten
Mutter streiften, ertrank die Warnung in ihren Augen...
"SEELENPEIN, HAT DAS SPIEL BEGONNEN?"
"Ja, mein Herr. Die Figuren sind aufgestellt, und der Springer
schlägt den Turm."
"WOHL, SO WERDE ICH DOCH NOCH ZU MEINEM RECHT GELANGEN... BERICHTE
MIR, WENN SICH NEUES ERGIBT!"
"Ja, mein Prinz."
"GEH NUN!"
Und so verließ der mächtigste Engel die Zitadelle
der Finsternis.
"Wo ist dein Vater Aitharos?"
"Hinter dieser Tür, Mutter, und es ist niemandem erlaubt
einzutreten."
Und wieder erhob sich diese Stimme aus dem hintersten Winkel seines
Verstandes.
"Nandur, Nandur! Zeig Stärke!"
"Diene dem schwarzen Drachen und töte mich, ansonsten werde
ich dich vernichten."
"Nein, nein, nein!! Du bist nicht meine Mutter! Ich weiß
wer du bist verfluchter Abschaum! Nachtmahr! Zeig mir dein wahres Gesicht
Astafas, bei den verbotenen Geschöpfen der Tränachtai. Meine
Mutter war eine Dienerin des schwarzen Drachens und ihr Tod war der Wille
meines einstiegen Herren. So lass' die Maske fallen und sprich was du von
mir willst."
"ICH BIN ERSTAUNT MENSCHLEIN; WER HAT DIR DIE GABE DES ZWEITEN
GESICHTES VERLIEHEN? NUN, ES IST GANZ EINFACH. DER ARME, KLEINE JUNGE WILL
SEINE MAMI! UND ICH BESITZE IHREN KÖRPER, UND MEIN HERR BESITZT IHRE
SEELE. DU BRAUCHST NUR DAS ZU TUN, WAS ER VON DIR VERLANGT, UND DIE LIEBE
FAMILIE WIRD WIEDER VEREINT SEIN! IST DAS NICHT WUNDERSCHÖN, OH, DU
MEIN GROßER JUNGE! WENN DU NICHT WILLST, DAß DEINE NOCHT AUF
EWIG IN DER SEELENPEITSCHE GEFANGEN SEIN SOLL, DANN KEHRE ZUM SONNENUNTERGANG
ZURÜCK ZUM ORT DEINES FREVELS! STELL DICH DEINEM SCHICKSAL, VERRÄTER!!!
SOLLTEST DU IRGEND JEMANDEN MITBRINGEN, IST DER HANDEL UNGÜLTIG."
"Also verwehrst du mir Eintritt, Nandur?"
"Wer war diese Frau, mit der du gesprochen hast."
"Ein Teil meiner Vergangenheit."
"Ein Teil deiner Vergangenheit? Wer?"
"Du möchtest es nicht wissen."
"Geheimnisse sind immer der Anfang von Mißtrauen."
"Es war meine Mutter."
"Deine Mutter?"
"Zumindest der Körper und die Stimme meiner Mutter."
"Wie kann das sein? Ich sah ihren toten Körper einst zu
deinen Füßen liegen."
"Es ist einzig und alleine meine Angelegenheit, versteh das doch!"
"Oh, ich verstehe, du mußt Stärke beweisen und niemand
darf teilhaben an deinem dunklen Herzen. Nandur! Diese Zeit ist vorbei!
Teile deine Gedanken mit mir und lass’ mich dir beistehen."
"Nun, dann hilf mir, indem du mir vertraust. Nimm mein Siegel
an dich, und sollte ich nicht zurückkehren, so übergieb es meinem
Sohn."
"Hör auf in Rätseln mit mir zu sprechen und sag mir
was vor sich geht."
"Es gibt einen Weg meine Nocht aus den Klauen meines ehemaligen
Herren loszueisen. Und bei Bahamuth, ich werde nichts unversucht lassen
sie zu befreien. Wenn du mich liebst, dann lass’ mich gehen."
Voll von Angst und Sorge um ihren Gemahl bat Sheenalasaar Nandur
ihr sein Schwert zu überreichen, um es im verborgenem Tempel zu weihen
und ihren Vater um seinen Segen zu bitten.
Unbemerkt und gewappnet mit einem höhnischen Lächeln
zog sich der kleine Page, welcher das Gespräch belauschte aus den
Gemächern zurück, um seinen Herren zu berichten.
"WAS IST DER GRUND DIESER STÖRUNG?"
"Der weiße König hat den Springer geschlagen und zieht
seine Dame zurück, doch die Dame ist widerspenstig."
"DU KANNST DICH ENTFERNEN."
"Wie ihr befehlt."
Der Tempel des Lichts
So süß das Gefühl der Liebe ist, so bitter ist doch die
Angst sie zu verlieren.
"Vater, verzeih mir meine Entscheidung, aber Nandur wird ohne meine
Hilfe völlig hilflos sein gegen den Sohn deines Bruders. Und sag meinem
Bruder Sarech, er soll die stolzesten Urväter der Nimbar meinen Tempel
bewachen lassen bis ich wieder zurückkehre. Doch sag ihm nicht, was
ich vorhabe. Du kennst sein Temperament, er würde nie zulassen, daß
sich die Tochter eines Gottes in das Schicksal eines Sterblichen einmischen
würde."
"Yl’naahn, treuer Gefährte, überbringe das Schwert
Nandur und sag ihm, daß ich mich während des Kampfes zu meinem
Bruder zurückziehe. Sag ihm auch, daß ich stets bei ihm sein
werde. Tief in seinem Herzen."
"DU WEIßT UM DIE GESETZE DER ALLMACHT, MEINE TOCHTER."
"Ich weiß, Vater. Erst wenn mein Geist zurückkehrt
werde ich den Tempel wieder verlassen können."
So kam es, daß der Geist Sheenalasaars einging in das Schwert
Nandurs, um ihm beizustehen gegen den Sohn der Finsternis.
"Warum übergibt sie mir nicht das Schwert selbst? Ist sie zu verbittert
über meinen Entschluß?"
"Mitnichten Nandur. Ihre ganze Kraft ist bei dir. Sei dir gewiß,
solange du dem Licht dienst, wird der Dijai Dan es nicht wagen, dir deine
Seele zu nehmen."
"KNIE NIEDER NANDUR UND SCHWÖRE ERNEUT DEM DUNKLEN REICH DIE TREUE.
SO VERSICHERE ICH DIR, DAß DEIN TOD SCHNELL UND OHNE DEMÜTIGUNG
SEIN WIRD."
Dies waren die Worte des Dijai Dan. Geboren aus Finsternis und
unbefleckt von Furcht und Schwäche. Noch nie ward ein Kampf verloren
durch seine Hand. Keine Waffe von sterblicher Hand vermag ihn zu verletzen.
"Sollte es mein Schicksal sein, für meine Nocht zu sterben,
um meine Sünden für all meine Taten zu büßen, so werde
ich dies tun. Dijai Dan, ich fürchte dich nicht mehr. Meine Liebe
ist nah, und doch unerreichbar für dich."
"DU WEIßT GAR NICHT, WIE NAH DEINE LIEBE IST, NANDUR."
"Lass’ uns dieses Schauspiel beenden, Erstgeborener Bargaahns."
"Suhntak, trotz Schwert, dies wird dein letzter Kampf sein."
So trat er an gegen die Finsternis selbst, um gerichtet zu werden.
Mit einem höhnischen Lächeln hob der Dijai Dan sein Schwert und
ging zum Angriff über. Sich seiner Niederlage bewußt, bereitete
sich Nandur auf seine letzte Parade vor.
"Keine Waffe hat je dem Schwert des Hasses widerstanden."
"Meinen Körper kannst du brechen, jedoch nicht meinen Willen."
Klinge traf auf Klinge... und das unfaßbare geschah! Mit
einem erstaunten Blick sah der Dijai Dan hernieder auf das Schwert Nandurs.
"ICH DACHTE NICHT, DAß IHRE KRAFT SO MÄCHTIG IST!"
Noch weit mehr erstaunt war Nandur selbst.
"Es muß der Segen Sheenalasaars sein, der die Waffe zum Singen
bringt."
Währenddessen stürzte sich der Sohn der Finsternis
erneut voll Haß auf seinen Gegner. Und zum Staunen beider schien
das Schwert wie von selbst zu parieren.
"GREIF MICH AN VERRÄTER! ERSCHLAG MICH, WIE DU EINST DEINE
GESAMTE NOCHT ERSCHLAGEN HAST, ZEIG MIR DAS SCHWARZE BLUT, WELCHES DURCH
DEINE ADERN FLIEßT. DU BIST EIN KIND DER FINSTERNIS UND WIRST ES
IMMER SEIN! WIE LANGE HAST DU DICH DANACH GESEHNT ERNEUT TÖTEN ZU
KÖNNEN, DAß BLUT DEINER FEINDE ZU VERGIEßEN; SICH AM GESCHREI
DER UNTERLEGENEN ZU LABEN! SEI MEIN GEFÄHRTE! LASS’ UNS DAS LICHT
VERSTOßEN AUF EWIG! DU BIST STARK GENUG, UM DEN ERSTEN KREIS ALLEINE
ZU BESTREITEN! STELL DICH AUF MEINE SEITE! SEI WIEDER DER, DER DU EINST
WARST! GREIF MICH AN UND VERSUCHE MICH ZU VERNICHTEN!!!!!"
Langsam senkte sich die blutende Sonne vor dem Geiste Nandurs
und ein lange unterdrückter Blutdurst erhob sich von neuem in seiner
Seele.
"Du kannst deine Herkunft nicht verleugnen mein Sohn – erhebe
den Thron von neuem – sei eins mit der Schöpfung Bargaahns – töte
um zu Leben!"
Tausend Stimmen seiner Vergangenheit flüsterten ihm längst
vergessenes Verlangen ein, und einem Falken gleich stieß seine Klinge
herab auf den Sohn der Finsternis. Erneut kreuzten sich die Klingen und
ein Aufschrei durchfuhr die Lüfte, gleich einem Kreischen tausend
sterbender Falken. Blut troff von den Klingen der Kontrahenten. Doch es
war nicht das Blut der Kämpfenden. Es war das Blut der Klingen. Ein
Augenpaar gleich zweier Wirbelstürme fixierte Nandur und unverhohlene
Macht befahl ihm.
"STELL DICH AUF MEINE SEITE MÄCHTIGSTER DES STERBLICHEN
VOLKES, UND MEINE KLINGE WIRD DEINE LIEBE VERSCHONEN."
Benommen vom letzten Schlag blickte Nandur hinab auf seine Klinge
und stellte mit erstaunen fest, daß das Blut, welches von ihm troff,
nicht von purpurner Färbung war, sondern silbern schimmerte. Mit Entsetzen
öffnete sich der rote Vorhang des Wahnsinns vor seinen Augen, und
er erkannte die wahre Macht seines Schwertes. Noch viel mehr erkannte er,
daß sein Schwert beseelt war von dem einzigen Wesen, das er je mehr
geliebt hatte, als seine eigene Seele.
"Sheenalasaar... du bist bei mir... aber ich..."
"JA, SIE IST BEI DIR! UND JEDER WEITERE SCHLAG KANN DEINEN SIEG
GEGEN MICH BEDEUTEN ODER IHRE VERBANNUNG JENSEITS DER ZEIT! TU ES, UND
DU WIRST NEBEN SEELENPEIN SELBST THRONEN! TU ES, UND DIE ZEIT VERBEUGT
SICH VOR DER MACHT, DIE ICH DIR SCHENKE! TU ES, UND DEIN GEIST WIRD DIE
FESSELN DER STERBLICHKEIT BRECHEN! TUST DU ES NICHT, SO WERDE ICH SIE MEINEM
VATER ZU FÜßEN LEGEN!! ENTSCHEIDE DICH JETZT!!"
"Das ist also, was du willst! Die Seele einer wahren Göttin!
Wen willst du dir gefügig machen für deine dunklen Pläne?
Reicht deine Macht nicht aus, muß noch mehr Leid geschehen um deiner
Freude willen?"
Anstatt sein Schwert zu erheben, senkte er die Klinge hinab auf
seine Knie und betete zur sterbenden Sonne ein letztes Mal.
"Bahamuth! Noch nie forderte ich etwas von dir! Doch dieses eine
Mal bitte ich dich, nimm das Schwert an dich und rette deine Tochter vor
dem Schicksal das mich erwarten wird."
"DER EITLE BLENDER WIRD DICH NICHT ERHÖREN, NANDUR! GIB
MIR DIE KLINGE ODER ICH WERDE DICH VERNICHTEN UND DEINE GEBEINE ÜBER
DEM TEMPEL BAHAMUTHS VERSTREUEN!"
Doch Nandurs Augen waren gerichtet auf das sterbende Auge des
Lichts. Langsam erhob der Dijai Dan sein Schwert zum letzten Schlag. Für
einen Augenblick glaubte Nandur die Stimme des Verdammten der Götter
zu vernehmen, und so erhob er seinen Kopf, um dem Richtenden in die Augen
zu blicken. Doch der Schwertstreich blieb aus und eine Stille jenseits
des Hasses erhob sich, um dem Schauspiel Einhalt zu gebieten.
"Im Namen meines und deines Herren, Dijai Dan, gebiete ich dir
Einhalt, noch wollen die Götter keinen Krieg führen. Darum Nandur,
übergib mir das Schwert Sheenalasaars."
"WER BIST DU, DAß DU ES WAGST, EINEM GOTT EINHALT ZU GEBIETEN?"
"Mein Name ist Amathyriel, Erzengel Bahamuths und gesandt von
den wahren Göttern, um zu nehmen was Bahamuth gehört, hindere
mich und du wirst in einen Krieg gestürzt, den du allein führen
mußt."
Während der Engel diese Worte sprach, nahm er das Schwert
an sich und breitete seine Flügel aus. Doch wider Erwarten griff der
Dijai Dan nicht an, sondern lächelte nur und sprach.
"LASS’ MICH ALLEIN MIT DER BRUT MEINES VATERS, ICH HABE NOCH
GERICHT ZU HALTEN; DU HAST MEINE WORTE RICHTIG VERSTANDEN LAKAI! GEH UND
TUE DEINE PFLICHT."
"So soll es sein, Prinz der Dunkelheit."
Majestätisch erhob sich der Engel in die Lüfte und
überließ dem Sonnenuntergang das tragische Schauspiel.
Nachzugeben ist nicht die Natur des Hasses, darum sucht sich der Haß
einen hinterlistigen Gefährten. Zitat – Hall von Lichtenberg.
Während Nandur sich seinem Schicksal beugt, folgte Amathyriel das
Schicksal. Wie dem Tag die Nacht. Unnachgiebig und Unaufhaltsam.
"HALT EIN JÄMMERLICHER LAKAI BAHAMUTHS!"
Schall es aus der undurchdringlichen Finsternis Amathyriel entgegen.
Erstaunt drehte sich der Engel in der Luft um, die Quelle dieser ausgespienen
Worte zu erfassen und für immer zum Versiegen zu bringen. Ein kurzer
scharfer Schmerz an seiner linken Hand ließ ihn erahnen, wer seine
Aufgabe zu verhindern versuchte. Demütig wichen die Wolken zur Seite
und Amathyriel erkannte seinen Peiniger. Zwei Manneslängen überragend
thronte Seelenpein am Firmament.
"DIE NACHT IST NICHT DEIN FREUND, LAKAI..."
"Und doch muß sie vor mir weichen, Seelenpein."
"DU BESITZT ETWAS DAS MIR GEHÖRT! GIB ES MIR UND DU DARFST
DEIN ARMSELIGES LEBEN WEITERFÜHREN! GIB ES MIR NICHT UND DU WIRST
ERFAHREN, WARUM BARGAAHN DIE WELT SCHUF, UM SIE UNS ZU SCHENKEN; KLEINES
WÜRMCHEN...
"Dies ist nicht dein..."
Noch während Amathyriel diese Worte sprach, schnellte die
Seelenpeitsche auf ihn hernieder und riß eine tiefe blutende Wunde
in seine Brust. Voll Schmerz hörte er das Aufschreien der abertausenden
Seelen, die gefangen waren in der Geißel Seelenpeins. Und voll Erstaunen
spürte er den Tod mit leiser Hand an seine Seele klopfen.
"Das kann nicht möglich sein!"
"OH WIE OFT HÖRTE ICH SCHON DIESEN SATZ AUS DEM MUND EINES
ÜBERHEBLICHEN SARASHINN! UNSTERBLICH BEDEUTET NICHT UNTÖTBAR!
VERGIß DAS NICHT AMATHYRIEL!"
Ohne nachzudenken entfaltete Amathyriel seine Magie und der Wutschrei
Seelenpeins ließ den Himmel erzittern, als er von purer Lichtessenz
umhüllt wurde. Ohne daß es einer der beiden Kontrahenten bemerkte,
fiel das unbeachtete Schwert hinab auf das Antlitz der Erde.
Unnachgiebig wie der Tod bohrte sich der Chatnatahr Seelenpeins
in die Schulter Amathyriels, und voller Haß zwang ihn der Engel der
Finsternis zur Herausgabe des Schwertes, bis beide mit Entsetzen feststellen
mußten, daß die Klinge sich aus der Scheide gelöst hatte.
"Nun werden die Menschen entscheiden, was mit der Klinge geschehen
wird, Seelenpein."
Und im gleichen Atemzug sprach der Engel das Gebet vom Titanen des
Lichts, und Seelenpein blieb nicht anderes übrig, als dem Widersacher
eine weitere Wunde zuzufügen, um dann mitanzusehen wie Amathyriel
in einer Sphäre reinen Sonnenlichts gen goldene Stadt flog.
"Eines Tages werde ich mir deine Flügel holen Amathyriel!
Sei dir dessen gewiß!"
Thron der Finsternis
"Töte mich, Dijai Dan! Du hast deinen Willen bekommen. Du mußt
mich töten, ansonsten werde ich eines Tages deine Festung schleifen
und die Finsternis auf ewig verbannen."
"HEUTE IST EIN WAHRHAFT INTERESSANTER TAG! NEIN! DEIN TOD WÄRE
ZUVIEL AUFMERKSAMKEIT FÜR EINEN VERRÄTER! ICH WERDE DICH DORT
HINBRINGEN LASSEN, WO DEIN PLATZ IST!"
Mit diesen Worten abschließend erschien Asrak Nai, der
Engel des Hasses, und brachte Nandur an den Ort seiner Strafe. Hinab in
das Meer des ewigen Hasses, gebunden von den Fesseln der Lüge auf
dem Felsen der Tränachtai.
"DIES WIRD AUF EWIG DEIN GRAB SEIN NANDUR! IMMERDAR SOLLST DU
MIT ANSEHEN KÖNNEN WIE DAS LICHT DER FINSTERNIS UNTERLIEGT! UND NUR
WER MEIN SCHWERT ZU FÜHREN MÄCHTIG IST, WIRD DEINE FESSELN LÖSEN
KÖNNEN! UND BEVOR MEINE FREUDE SCHWINDET, MÖCHTE ICH DIR MEINEN
DANK SAGEN, DAß DU MIR SHEENALASAAR GEBRACHT HAST!"
"Oh nein! Verdorbene Ausgeburt der Tränachtai! Sie ist in
sicheren Händen"
"UM DIESE HÄNDE SORGT SICH VOLL PFLICHT MEIN TOOL SHAR NAI
SEELENPEIN..."
Seitdem trauert die Welt um einen Helden und seine Göttin Sheenalasaar.
Sucht den Wanderer, und er wird euch seine Bedingungen sagen, welche
zu erfüllen sind, so ihr wollt, daß euch mehr Wissen offenbart
wird.
Anhang A
Dem Original liegt ein unvollendeter Brief bei, den ich hier übersetzt
habe.
Sei mir gegrüßt,
der Du meine Worte ließt, ich bin Dein Schicksal, so wie Du das
meine sein wirst. Noch sind wir uns nicht begegnet.
Suche nach mir, so wie ich Dich erkennen werde.
Doch ist es mir verboten, mich Dir erkennen zu geben.
Viele Hinweise wirst du finden auf Deinen Reisen, doch mir allein obliegt
es, dem Lauf der Dinge ein Schnippchen zu schlagen.
Suche und Entdecke.
Befreie mich aus meiner Gefangenschaft zwischen...
Anhang B
Ein Verzeichnis der Personen in alphabetischer Reihenfolge.
| Aitharos |
Sohn Sheenalasaars und Nandurs. Später Bezwinger des Dijai Dans |
| Amathyriel |
Engel des Lichts. Avatar der Wahrheit, des Lebens und der Magie |
| Asrak Nai |
Engel der Finsternis. Avatar des Hasses, des Egoismus und des Wassers |
| Astafas |
Erzdämon des Dunklen Reiches. 1. Kreis: Herr der Lügen, Illusion
und der Schwarzen Flamme |
| Bahamuth |
Gott der Wahrheit und des Lichts. Schöpfer der Sonne, der Engel
und der Elfen |
| Bargaahn |
Gott der Lüge und der Finsternis. Schöpfer der Welt und ihrer
Wesen außer den Elfen und Lichtengeln |
| Dijai Dan |
Ersterschaffener Bargaahns. Prinz der Finsternis. |
| Nandur |
Held Bahamuts, Ehemann Sheenalasaars. Verbannt in die Tränachtai |
| Sarech |
Bruder Sheenalasaars |
| Seelenpein |
Oberster Engel der Finsternis. Träger der Seelenpeitsche und Heerführer
des Dijai Dan. |
| Sheenalasaar |
Tochter Bahamuths. Herrin der Elfen und aller fliegenden Kreaturen |
| Phaly Nai |
Engel der Finsternis. Avatar des Todes, der Lüge und der Dunklen
Magie |
| Yl’naahn |
Engel des Lichts. Avatar der Liebe, des Großmuts und des Feuers |
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