Nachdem wir den Greifenkamm überquerten und uns an den mühsamen
Abstieg machten, sahen wir unter uns bewaldete Berge und Hügel. Unser
Führer meinte, daß wir nun Winninger Land betreten und daß
die dichten Mischwälder am Fuße des Gebirges von den Einheimischen
die ‘Westlichen Waldgebiete’ genannt würden. Weiter im Osten im Tal
der Winning sollte die Hauptstadt sein, die den gleichen Namen wie das
Land besitzt: Winningen. Sie sollte auch mein erstes Ziel sein. Als größtes
und auch einziges kulturelles Zentrum dieses rauhen Landes erwartete ich
dort lohnende Handelsbeziehungen knüpfen zu können. Da das Land
noch bis vor kurzer Zeit kaum über Außenbeziehungen verfügte,
nahm ich an, daß dort ein großer Bedarf an ausländischen
Waren bestehen könnte. Vor meiner Reise wurde ich gewarnt, daß
die Tiefen der Wälder von Orks und anderem Gezücht bevölkert
sein sollten und tatsächlich verlor ich einen meiner besten Leibwächter
in einem Ork-Hinterhalt, kurz nachdem wir die Wälder betreten hatten.
Die Orks in diesem Lande sind heimtückische, brutale Wesen, die keine
Gnade und kein Mitleid kennen. Glücklicherweise kamen uns Waldläufer
des Grafen zur Hilfe, die auf den Wegen patrouillierten und uns in ihrem
Lager übernachten ließen.
Auf dem weiteren Weg wurden wir im Auftrag des Hauptmannes der Waldläufer,
einem gewissen Darion Gundolfson, von einem Orkensteiner Fährtensucher
begleitet, der die Orks schon 3 Meilen gegen den Wind zu riechen vermochte
und uns sicher den restlichen Weg durch den Wald führte. Orkenstein,
so erfuhr ich von unserem Begleiter bei einer kurzen Rast, ist die südlichste
Provinz Winningens und grenzt an die Orklande. Dort leben fast ausschließlich
Orks, und es gibt nur eine Handvoll wehrhafter menschlicher Ansiedlungen,
deren Bewohner im ständigen Kampf mit den Orks leben. Als wir die
Wälder verließen, stießen wir das erste mal auf feste
menschliche Behausungen. Die Bevölkerung erschien mir sehr einfach
aber freundlich und aufgeschlossen. Auf ein paar kleinen kargen Feldern
und Äckern versuchen sie so gut wie es eben geht Feldfrüchte
anzubauen.
Viehzucht und einfaches Handwerk sind ansonsten die verbreitetsten
Einnahmequellen. Kirchen oder Tempel sahen wir in den Dörfern keine.
Es wurde uns erzählt, daß in Winningen ein druidisch keltischer
Glauben verbreitet ist. Der Pantheon dieses Glaubens besteht aus den Göttern
Anu (Mutter-Göttin - Erde), Danae (Vater-Gott - Sonne), Aesus (Natur
- Eiche), Muire (dreifaltige Mond-Göttin - Mond) und Andune (Gehörnter
- Hörner). Eine andere bedeutende religiöse Macht stellt der
Moriquar-Orden dar, deren Vertreter ich später am Hofe des Grafen
kennenlernte. Moriquar ist ein Kämpfergott und auch seine Priester
scheinen im Umgang mit dem Schwerte wohl geübt zu sein. Bernulf von
Crombach, der seit 12 Jahren die Amtsgeschäfte seines kranken Bruders
dem Grafen Roderick II. von Crombach führt, hat dem Orden sogar eine
eigene kleine Provinz zugesprochen: Duhnhall. In der Hauptstadt scheint
dieser Glaube unter den höher gestellten Persönlichkeiten sehr
in Mode zu sein. Bei vielen von ihnen, die ich aufsuchte, sah ich das Zeichen
des Moriquar an der Wand hängen.
Meine Handelsbesprechungen waren allerdings nicht von großem Erfolg gekrönt, da schon weitgehende Handelsverträge mit Flandern und Anrea abgeschlossen wurden. Die Magier des Nachbarlandes Anrea besitzen sogar schon eine ständige Botschaft in Winningen. So verbrachte ich ein paar Tage in der Stadt und plante meine Rückreise, als ich hörte, das es im Nordosten in der Provinz Albenheim einen großen Elfenwald geben sollte. Die Elfen, die dort vollkommen unabhängig von der Regierung des Grafen ein eigenes Reich besitzen, treiben Tauschhandel mit den kleinen Dörfern am Rande des Waldes. Der Kyriadwald, wie dieser Wald genannt wird, ist von Menschen und Orks unmöglich zu betreten, da ein mächtiger Zauber auf ihm liegt. Sofort reiste ich dorthin, in der Hoffnung mit den Elfen den einen oder anderen profitablen Tausch eingehen zu können. Die Elfen sollten goldene und silberne Schmuckstücke und magisches Spielzeug gegen preiswerte Gebrauchsgegenstände eintauschen. Aber auch dieses Geschäft funktionierte nicht so gut.
Ich hatte die Spitzohren wohl ein wenig falsch eingeschätzt, denn für meine Angebote hatten sie nur ein spöttisches Lächeln übrig. Nun, da ich die Bequemlichkeiten der Stadt hinter mir gelassen hatte beschloß ich, mir auch die anderen Provinzen Winningens anzuschauen. Wir schlossen uns einem Barden an, der auf dem Weg zu einer Festlichkeit im Hause des Freiherrn zu Eisenberg war. Die Provinz Eisenberg macht ihren Namen alle Ehre. Nirgendwo anders sah ich so viele Eisenminen und Bergwerke wie hier. Viele von ihnen wurden von den Zwergen übernommen, die aus unerfindlichen Gründen vor etwa 150 Jahren aus Winningen auswanderten.
Der Adel von Winningen ist nicht minder einfach als das Volk. Und auch die Festlichkeiten sind nicht zu vergleichen mit denen Allerlands oder Burgunds. Die Festtafel besitzt kein Tischtuch und wird nach dem Essen im wahrsten Sinne des Wortes ‘aufgehoben’ und beiseite gestellt, um für Tanz, Musik und Gaukeley Platz zu machen. Auf höfisches Zeremoniell wird kaum geachtet. Die Fröhlichkeit des Festes geht auf Kosten der Etiquette und derbes Liedgut trägt sein übriges zum Rausche des Festes bei. Auf meiner weiteren Reise besuchte ich die Provinzen Burgbach und Gerlon.
Burgbach ist seit der Zerschlagung der hier ansässigen Hexenzirkel
eine für Winninger Verhältnisse sichere Provinz, wo hingegen
Gerlon rauh und wild ist. Die Bürger von Gerlon sind sehr auf ihre
Unabhängigkeit gegenüber den Grafen bedacht. Auf einen Besuch
in Orkenstein verzichtete ich aus wohl allzu verständlichen Gründen.
Alles in allem war Mein Aufenthalt in der freien Grafschaft sehr aufregend,
jedoch bin ich froh wieder daheim in meiner gemütlichen Stube zu sitzen
und zu wissen, daß draußen in dem kleinen Wäldchen vor
der Stadt keine Orkhorden auf den Untergang der Sonne warten, um uns im
Schutze der Nacht die Kehlen durchzuschneiden.
Phantastische Welten e.V., Nicole Gerloff, Titzgarten 7, 52372 Kreuzau, 02427/9040981, winningen[bei]phantastische-welten.net, www.phantastische-welten.net
Bei Mailadressen müssen die [bei] durch @ ersetzt werden.
Eine kleine Bitte: Wer auf einem CON einen Charakter aus diesem Land spielen möchte, sollte vorher die Kontaktperson darüber informieren. Denn diese haben meistens noch mehr Informationen über das Land - und es wäre doch schade, wenn man einen Ritter darüber aufklären müßte, daß in seinem Heimatland nur Schafe und Elfen, aber keine Menschen leben.
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